Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren
 

Letztes Feedback
   3.09.17 17:54
    Hey Du, deines Texte


http://myblog.de/biblio-phil

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray (1891)

Nachdem The Perks of being a Wallflower das Buch mit den wenigsten von mir als zitierwürdig eingestuften Passagen war, ist Das Bildnis des Dorian Gray (zumindest vorerst, aber ganz sicher für sehr lange Zeit) jenes mit den meisten zitierwürdigen Passagen.

Und die ersten jener wirklich großartigen Stellen springen dem Leser sofort ins Auge, wenn dieser den Roman aufschlägt – als Vorüberlegungen sozusagen. Oscar Wilde stellt hier seine Ansichten über die Kunst im Allgemeinen und die Schriftstellerei im Besonderen zur Schau. So heißt es unter Anderem

„Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen ist die Aufgabe der Kunst.“ (S. 5)

„Ein Künstler ist niemals unsittlich. Der Künstler kann alles ausdrücken.“ (S. 5)

„In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben wider.“ (S. 6)

„Wenn die Kritiker uneins sind, steht der Künstler im Einklang mit sich selbst.“ (S. 6)

„Es gibt kein moralisches oder unmoralisches Buch. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben. Das ist alles.“ (S. 5)

Allein über jeden Einzelnen dieser Sätze könnten ganze Essays verfasst werden. Bedeutend für den Roman allerdings ist vor allem das letzte Zitat. Denn auch in der Handlung dieses Werkes wird ein ganz bestimmtes Buch großen Einfluss auf den Protagonisten Dorian Gray haben. Einen so großen Einfluss, dass dieser immer mehr in die unüberblickbare Vielschichtigkeit menschlicher Abgründe eintaucht.

Dabei hatte der junge Gentleman eigentlich von Beginn an alles, was man sich nur wünschen kann: Geld, Bedienstete, Stellung und vor allem ein wunderschönes jugendliches Aussehen, dass seine reine und fromme Seele sichtbar macht. Aufgrund dieser Vollkommenheit wird er zur Muse des Künstlers Basil, dem er Tag für Tag Modell steht.

In dessen Atelier lernt er bald Lord Henry kennen, einen Freund des Malers und moralischen Gegenspieler Grays. Lord Henry, ebenfalls durch finanzielle Mittel und einen entsprechenden Status gesegnet, ist weit weniger naiv als Gray, vielmehr durchtrieben, gerissen, erfahren. Und damit erschreckt und fasziniert er die junge Muse gleichermaßen, zieht sie in seinen Bann und beeinflusst sie mehr und mehr. Auch ein Großteil all jener weisen Aphorismen stammt aus dem Munde Lord Henrys. So sagt er etwa

„[E]s gibt nur eine Sache auf der Welt, die schlimmer ist, als dass über einen geredet wird, nämlich, dass nicht über einen geredet wird.“ (S. 8)

„Pünktlichkeit [ist] der Dieb der Zeit.“ (S. 61)

„Die Furcht vor der Gesellschaft, das ist die Grundlage der Moral, die Furcht vor Gott, das ist das Geheimnis der Religion – dies sind die beiden Dinge, die uns beherrschen.“ (S. 27)

Lord Henry ist es auch, der Gray jenes Buch aushändigt, welches ihm später die Sünde in die Seele pflanzt. Der Mahler Basil beäugt diese Freundschaft mit Unmut und wird vom engsten Vertrauten Grays zum ungeliebten Störenfried und Moralapostel. Doch vorher beendet er noch ein Portrait Grays, welches er zu seinem Meisterwerk erklärt, weil es all die jugendliche Pracht des jungen Mannes ausdrückt. Man ist sich einig, dass Grays Schönheit von besonderer Art ist und er sich diese unbedingt erhalten möge, weshalb dieser

„[…] den wahnsinnigen Wunsch geäußert [hat], dass er selbst jung bleiben möge und das Porträt altern; dass seine eigene Schönheit makellos bleiben und das Gesicht auf der Leinwand die Last seiner Leidenschaften und Sünden tragen möge; dass das gemalte Abbild von den Linien des Leidens und Denkens zerfurcht werden möge und dass er die zarte Blüte und die Anmut seiner ihm damals gerade erst bewusst gewordenen Jugend behalten möge.“ (S. 119)

Dass sich sein Wunsch erfüllen sollte, merkt er bald. Er verliebt sich in Sibyl Vane, eine begnadete junge Theaterschauspielerin eines niedrigeren Standes, will sie sogar heiraten. Als diese jedoch eines Abends schlechter spielt als sonst wird Gray wütend und löst beschämt über ihren Dilettantismus die Verlobung auf, worauf sich diese vor Kummer das Leben nimmt. Dorian zieht damit die vorerst noch folgenlose Rache ihres Bruders James auf sich und erschrickt fürchterlich sobald er die Veränderungen an seinem Portrait bemerkt und realisiert, dass sein unbedacht geäußerter Wunsch erhört worden war.

„[D]as Schlimmste an jeder Romanze ist, dass sie einen so unromantisch zurücklässt.“ (S. 21)

und

„Wenn man verliebt ist, fängt man immer damit an, sich selbst zu betrügen, und man endet immer damit, andere zu betrügen. Das ist das, was die Welt eine Romanze nennt.“ (S. 70)

sind die Kommentare Lord Henrys zu Sibyls Tod.

Trotz halbherziger Bemühungen zur Besserung begeht Dorian im Laufe der Jahre eine Sünde nach der nächsten, angestachelt durch jenes besagte Buch ebenso wie durch Lord Henrys schlechten Einfluss. Dieser sagt hierzu:

„[V]ergiftet werden durch ein Buch: So etwas gibt es nicht. […] Die Bücher, die die Welt unmoralisch nennt, sind Bücher, die der Welt ihre eigene Schande vorhalten.“ (S. 278)

Doch nichts treibt mehr zu Sündigen an als ein ungestraftes Verbrechen, wusste der Marquis de Sade, und was für die Franzosen gilt, das gilt in dem Fall wohl auch für die Engländer und den gesamten Menschenschlag. Generell musste ich bei der Lektüre von Oscar Wilde oft an den Marquis de Sade denken, da dieser eines der Bücher mit den wohl skandalösesten und unmoralischsten Ansichten überhaupt geschrieben hat (siehe: Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom).

Gray verbrüdert sich mehr und mehr mit Sünden jeder Art, treibt sich in einschlägigen Milieus herum und schreckt letztlich selbst vor Mord nicht mehr zurück, nur um seine eigenen Gelüste zu befriedigen. Das Portrait wird dabei hässlicher und älter und abstoßender. So gewinnt er die ganze Welt, verliert dabei aber seine Seele.

Soviel zur Handlung. Zurück zu den Zitaten. Ein jedes, welches mir gefällt, hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen, doch das ein oder andere kann und möchte ich nicht unerwähnt lassen. Denn auch von Oscar Wilde kann man viel über das Leben und die Liebe und die Menschen und das Glück lernen. Und dieser Mann hat mit diesem Buch ganz sicher eine unfassbare Vielzahl von Menschen und Schriftstellern inspiriert, angeregt und geleitet.

„Wenn wir uns selbst tadeln, glauben wir, kein anderer habe das Recht, uns zu tadeln. Die Beichte, nicht der Priester erteilt uns die Absolution“ (S. 127),

heißt es da beispielsweise und ich bin mir sicher, dass viel Wahrheit in diesen zwei Sätzen steckt. So wie Dorian Gray selbst zwar von Zeit zu Zeit unter nagenden Gewissensbissen leidet, lässt er doch keine von außen kommende Kritik an seinem Handeln zu. Wir gehen gerne strengstens mit uns selbst ins Gericht, beteuern unsere Reue vor anderen, doch sobald einer von ihnen Worte des Tadels äußert, verfallen wir sofort in die Opferrolle und verteidigen und rechtfertigen und begründen, was wir gerade selbst noch angegriffen haben.

„Es gibt nur eine große Liebe. Alles andere sind billige Kopien“, sagt der Volksmund. Oscar Wilde sagt:

„Es [ist] jedes Mal, wenn man liebt, das einzige Mal, dass man je geliebt hat. Die Verschiedenheit des Objekts ändert nichts an der Einmaligkeit der Leidenschaft. […] Wir können im Leben bestenfalls eine großartige Erfahrung machen und das Geheimnis des Lebens besteht darin, diese Erfahrung so oft wie möglich zu reproduzieren.“ (S. 251)

Ich sehe das jedoch anders. Ich denke nicht, dass wir alle Varianten Leo Kaplans sind, die ihr ganzes Leben lang ihrer Ellen nachjagen (siehe Eintrag vom: Leon de Winter. Leo Kaplan) und in jedem potentiellen Partner nur deren Ersatz suchen. Ich denke vielmehr, die Menschen entwickeln sich im Laufe der Zeit so stark und oftmals in so unterschiedliche Richtungen, dass Trennungen unumgänglich sind. All die Konjunktive der Vergangenheit, wie „Hätte ich damals…, dann würde ich heute….“ sind Illusionen, weil es so kommen musste, wie es gekommen ist und weil es sowieso früher oder später so gekommen wäre – auch, wenn man sich damals anders verhalten hätte. Leo hätte Ellen irgendwann genauso betrogen wie jede andere Frau in seinem Leben, weil wir erst im Nachhinein schätzen können, was wir bis dahin längst verloren haben. Und doch hat Wilde Recht, wenn er sagt, dass die Leidenschaft einmalig ist. Denn sobald diese wieder entflammt ist fühlt es sich an, als wäre es noch immer oder schon wieder das erste Mal, dass sie über einen hereinbricht. Und dieses Gefühl setzt sich fest in unseren Köpfen und Herzen, wird ein Teil unseres Körpers und damit unvergessen. Hieran schließt sich auch das folgende und letzte Zitat an. Ein Schlusswort, wie es schöner nicht sein könnte.

„[E]in zufälliger Farbton in einem Zimmer oder am Morgenhimmel, ein bestimmter Duft, den du einmal geliebt hast und der zarte Erinnerungen mit sich bringt, eine Zeile aus einem vergessenen Gedicht, auf das du zufällig wieder gestoßen bist, einige Takte aus einem Musikstück, das du längst nicht mehr spielst – von solchen Dingen hängt unser Leben ab.“ (S. 276)


Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray. Köln 2012.

5.7.14 10:58
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung