Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren
 

Letztes Feedback
   3.09.17 17:54
    Hey Du, deines Texte


http://myblog.de/biblio-phil

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Leon de Winter: Leo Kaplan (1986)

Allzu lange Schreibpausen sind der Todesstoß eines jeden Blogs. Bedauerlicherweise habe auch ich die Regelmäßigkeit meiner Veröffentlichungen gnadenlos unterbrochen und meine Schreibarbeit aufs Schlimmste vernachlässigt. Meine einzige Hoffnung, diesen Fauxpas wettzumachen, knüpfe ich deshalb an das folgende Werk, welches unser aller Beachtung mehr als verdient: Leon de Winters Leo Kaplan.
 
Leo Kaplan, niederländischer Schriftsteller und Jude, beendet die Affäre mit einer seiner Studentinnen, weil er sich fest vorgenommen hat, nun seiner zweiten Ehefrau Hannah endlich treu zu sein. Diese jedoch hat nunmehr selbst einen Neuen und fordert die Scheidung. Kaplan, von dieser Nachricht völlig aus der Bahn geworfen, muss ausziehen und endlich die Kontrolle über sein Leben wiederfinden. Stattdessen stürzt er sich jedoch in eine neue Affäre und trifft seine Jugendliebe Ellen wieder, die mittlerweile mehr oder weniger glücklich verheiratet ist. Einen Sohn hat sie auch, angeblich von einem ehemaligen Freund des Schriftstellers, der bei einem Ausflug in den Bergen ums Leben gekommen ist. Tatsächlich stammt das Kind aber von Leo selbst und war einer der Gründe für die Trennung des Paares vor rund zwanzig Jahren.
 
Ebenso wie bei dem Roman Sokolows Universum versteht es de Winter auch bei seinem Leo Kaplan, eine Vielzahl an Charakteren, Motiven, Themen, Orten und auch Zeiten geschickt miteinander zu verbinden, ohne den Leser völlig zu verwirren oder den roten Faden zu verlieren. Nach und nach ergibt jedes Kapitel, jede Ebene Sinn und die Teile des Werks fügen sich zu einem großen Ganzen. Hierin besteht der wahrscheinlich größte Clou dieses Buches.
 
Doch nicht nur diese Vernetzungen machen es so lesenswert, sondern auch die Themenvielfalt, der Reichtum an Gedanken und Philosophie. So heißt es in Bezug auf Leos Untreue:
 
„Er redete sich ein, dass er seine Affären brauche, um sich desto bewusster darüber zu werden, er sehr er Hannah liebte. Daß er damit sich selbst etwas vormachte, war ihm zwar klar, doch etwas Besseres fiel ihm nicht ein.“ (S. 20)
 
De Winter spricht damit das Paradox der menschlichen Gefühle und Moral an, das Bedürfnis nach Rechtfertigung und Verteidigung, und natürlich die Liebe als solche. Dieses Motiv zieht sich durch das ganze Buch, wird einerseits als Jugendliebe zwischen Leo und Ellen als etwas überaus Positives verhandelt, andererseits in Verbindung mit seinen gescheiterten Ehen und Affären äußerst negativ aufgefasst.
 
So heißt es später:
 
„Weil du ihn oder sie liebst – das ist die tragische Seite der Liebe -, fürchtest du dich vor dem Tag, da er oder sie nicht mehr dasein könnte. Jemanden lieben heißt auch: die Furcht kennen, welches Schicksal ihn oder sie ereilen könnte. [...] Deshalb treffen wir möglichst viele Übereinkommen, versuchen uns daran zu halten und hoffen, daß das Schicksal es ebenfalls tun wird.“ (S. 90)
 
Hierbei bezieht sich der Autor auf die Institution der Ehe. Im Buch wird diese als Bund dargestellt, als Übereinkommen, was Zusammenhalt und Kontinuität gewährleisten soll, dieser Funktion jedoch nicht gerecht werden kann. Vielleicht, weil das Schicksal sich nicht um derartige Abmachungen kümmert, vielleicht, weil man es selbst weit weniger tut als man vorgibt.
 
Um den Bund der Liebe dreht sich auch das folgende Zitat, das deutlich macht, wie viel Eigennutz, Egozentrik und Wunsch nach Bestätigung in einer Beziehung stecken:
 
„Ist das nicht verrückt? Wir setzen unsere Phantasie in Gang und stellen uns zum Beispiel vor, wie der andere auf unseren Tod reagieren würde. Wir wollen den Kummer des anderen spüren, wir wollen die Abhängigkeit des anderen empfinden, weil wir unsere eigene Abhängigkeit kennen und diese nur zu ertragen ist, wenn der andere sich ebenfalls abhängig fühlt.“ (S. 91f.)
 
Eigentlich dachte ich immer es wäre eine etwas seltsame Eigenart meiner Person, dass ich mich wirklich oft gefragt habe, wer wohl zu meiner Beerdigung käme, wenn ich heute sterben würde, wer am traurigsten wäre usw. Ich denke, de Winter bietet hier eine sehr gut Antwort auf die Frage, warum man sich auf solche Gedankenspiele einlässt.
 
Diese Abhängigkeit, von der er spricht, ist einerseits wunderschön, weil man so eine starke Verbindung zu einer anderen Person spürt, andererseits erschreckend, weil man nie sicher sein kann, ob der andere genauso liebt, genauso leidet, genauso involviert und abhängig ist. Und sehr wahrscheinlich ist er das nicht. Die Liebe zwischen zwei Menschen erscheint mir vielmehr immer, ohne jede Ausnahme, eine asymmetrische zu sein, in der der eine leidet und der andere sich langweilt. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass die Beziehung deshalb nicht funktionieren kann. Die Rollen können wechseln, die Unterschiede minimal sein. Doch wirkliche Ausgeglichenheit gibt es nicht.
 
Doch genug davon. Schließlich bietet das Buch noch weit mehr Diskussionsstoff. So thematisiert auch dieser Autor die Rolle der Kunst in seinem Buch und schließt sich damit Oskar Panizza an (nachzulesen vom 19.4.14):
 
„Die Bedeutung von Kunst kann man nicht an ihrem gesellschaftlichen Nutzen oder dergleichen ablesen. Kunst versucht etwas greifbar zu machen, was wir alle erfahren, womit wir aber anscheinend nur durch Vermittlung der Kunst umgehen können.“ (S. 383)
 
Auch wenn de Winter Panizzas Ansicht somit nicht vollständig teilt, ist doch interessant zu beobachten, wie viel Selbstreflexion in beiden Werken steckt. So etwas fällt einem wohl erst auf, sobald man regelmäßig über Literatur bloggt.
 
Eines meiner Lieblingszitate aus diesem Buch ist das Folgende, weil es so klar und ausdrucksstark die Ausweglosigkeit einer unerwiderten Liebe auf den Punkt bringt. Urheber dieses Ausspruchs ist ein Freund Kaplans, der sich gegen Ende des Buches selbst umbringt, weil er es nicht verkraftet, dass sich seine Frau von ihm scheiden lässt:
 
„Ich bin völlig groggy. Hundemüde. Aber ich kann nicht schlafen. Krieg irgendwie nicht die Kurve. Kann nicht aufhören zu grübeln. Saufen, rumtigern, [...] die Wand anstarren. Und mit dem Verstand kommst du dem nicht bei. Du denkst: Hirnrissig, es gibt doch andere Frauen, genauso schöne mit so ‘ner weichen Möse. Aber dein Körper schreit nach der einen, die nicht erreichbar ist. Seltsame Ängste. Das Gefühl, daß dein Leben hinüber ist. Jeder rationale Trick ist da machtlos. Du willst das in den Griff kriegen, diesen Schmerz, diesen Irrsinn, aber du weißt, daß es dafür nur eine Medizin gibt.“ (S. 388)
 
Gleich der alten Weisheit „Andere Mütter haben auch schöne Töchter“ – wahlweise „Söhne“ – versucht die Romanfigur sich selbst zu beruhigen, scheitert jedoch, weil seine Ratio ausgeschalten ist. Die Medizin, die diesen Zustand lindern soll, besteht freilich in der geliebten Person selbst. Zu jedem guten Drama, zu jeder guten Geschichte – sei sie fiktiv oder real – gehört aber unbestreitbar, dass diese Medizin nicht verfügbar ist. Das Leid dieses Freundes übertrumpft letztlich das Leid des Protagonisten Kaplan nur noch, da letzterer immerhin nicht bis zum Äußersten geht.
 
Abschließend noch ein Zitat von Ellen, Leos Exfreundin, welche ihre jugendliche Liebe reflektiert:
 
„Ich weiß nicht, ob es ein Gewinn ist, wenn man heute formulieren kann, was uns damals verband. Lieber wäre mir, ich wüsste es nicht und wär stattdessen bei dir geblieben.“ (S. 456)
 
Anscheinend bin ich mittlerweile so weit, um ebenfalls zu glauben, ich wüsste, was mich mit meiner Jugendliebe verband. Ob ich das lieber nicht wüsste und dafür noch mit ihr zusammen wäre, weiß ich jedoch nicht. Und auch Ellen und Leo mögen es zwar bedauern, dass ihre Liebe in die Brüche ging, doch wäre sie das irgendwann mit Sicherheit genauso wie seine zwei späteren Ehen. All die Trauer und Verzweiflung, die Einsamkeit und Verwirrung der Protagonisten, ihr Leid und Kummer, sind die Freude und der Trost des Lesers. Von all dem gibt es reichlich, und groß ist auch der Wert dieses Romans. Deshalb unbedingt lesen!
 
Leon de Winter: Leo Kaplan. Zürich 2001. #
 
 
9.6.14 11:29


Werbung


Jerry Spinelli: Stargirl (2000)

Alles an diesem Roman schreit nach Jugendbuch: das Cover, der Titel, selbst der Name des Autors. Und Jugendbücher mag ich nicht. Jugendbüchern stehe ich zynisch gegenüber, weil sie mich belehren wollen, weil sie mich bevormunden und mir Geschichten vorsetzen, aus denen ich lernen soll, anstelle meine eigenen schlechten, gefährlichen Erfahrungen zu machen. Mittlerweile bin ich sowieso zu alt für Jugendbücher.

Aber Jerry Spinellis Stargirl mag ich, sehr sogar. Da ist mir die Zielgruppe dann auch egal. Es ist so ähnlich wie mit Kinderfilmen, wie Wes Andersons Der Fantastische Mr. Fox oder Tim Burtons Charlie und die Schokoladenfabrik. Die Masse versteht es als Unterhaltung für Kinder und Familien – ich verstehe es als Lehrbuch, als Analogie, als Metapher und Metaebene.

In diesem Roman also geht es um den gewöhnlichen Schulalltag gewöhnlicher Teenager in einer gewöhnlichen Stadt in Arizona, USA. All die festgefahrene Routine, die über den Leben der Kinder schwebt wie die Hitze über der Wüste, wird am ersten Tag des neuen Schuljahres durchbrochen. Es gibt eine neue Schülerin. Soweit ist das natürlich auch nichts Ungewöhnliches. Aber dieses Mädchen trägt bodenlange Kleider, die ihre Mutter – eine Kostümbildnerin – selbst entworfen hat. Sie ist Vegetarierin und spielt bereits am ersten Tag allen Mitschülern in der Pause Lieder auf ihrer Ukulele vor. Sie schminkt sich nicht, verteilt ungefragt Geschenke und ist immer in Begleitung ihrer Ratte Cinnamon. Sie ist Stargirl.

Sie ist der personifizierte Gegenentwurf zum Einheitsbrei aller Südstaatenkids, welche sie mit ihrer puren Existenz völlig überfordert:

„Wir wollten uns von ihr abgrenzen, sie in irgendeine Schublade einordnen, in denen wir selber steckten, aber mehr als >>komisch<<, >>merkwürdig<< oder >>durchgeknallt<< fiel uns nicht ein. Ihr Verhalten brachte uns völlig aus dem Takt. Ein einziges Wort schien in dem wolkenlosen Himmel über der Schule zu hängen:

HÄ?“ (S. 18)

Mit ihrer Absurdität ist sie natürlich nicht unbedingt das beliebteste Mädchen, aber ihre Andersartigkeit wirkt so faszinierend und nicht von dieser Welt, dass alle anderen sie staunend und mit offenen Mündern dulden.

Bis zum Basketballspiel der Schulmannschaft. Anstatt sich wie alle anderen nicht um das Ereignis und die Mannschaft zu kümmern, feuert Stargirl das Team wie irre an und mobilisiert damit für die kommenden Spiele Zuschauermassen ins Stadion. Diese wiederum spornen die Spieler an, welche nach gefühlten Lichtjahren endlich wieder gewinnen.

Ein Umdenken setzt in der Schule ein – Stargirl wird beliebt und immer beliebter. Sie verändert die Strukturen, die Verhaltensweisen und den Habitus der gesamten Schülerschaft:

„Jahrelang waren die Fremden unter uns unbeachtet und verdrossen durch die Gänge geschlichen; jetzt nahmen wir sie wahr, wir nickten ihnen zu, wir lächelten sie an. [...] Wir entdeckten die Farbe in den Augen unseres Gegenübers. Es war eine von ihr angeführte Rebellion, eine Rebellion nicht gegen, sondern für etwas. Für uns selbst. Für die schlafenden Schlammfrösche, die wir solange gewesen waren.“ (S. 48)

Sie schafft sogar den Aufstieg in die elitären Kreise der Cheerleaderinnen und jubelt nun kräftig bei jedem Basketballspiel. Doch genau das soll ihr zum Verhängnis werden.

Denn sie bejubelt und unterstützt nicht nur ihr eigenes Team, sondern immer auch die gegnerische Mannschaft. Das Fass kommt zum Überlaufen, als sie im Derby den verletzten Star der Gegner tröstet. Die Siegesserie der Heimmannschaft findet daraufhin ein jähes Ende und damit enden auch alle Sympathien für den Sonderling.

Nur der Protagonist und Ich-Erzähler hegt nach wie vor eine stille und heimliche Begeisterung für das Mädchen. Glück und Drama zugleich, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Beide werden ein Paar, durchleben Zeiten großer Freude und großer Erfahrungen. Doch die sinkende Beliebtheit seiner Freundin überträgt sich auch auf den Jungen. Die anderen beginnen ihn zu ignorieren. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen zwei nicht miteinander verbindbaren Polen. Eine einzige Frage überspannt sein gesamtes Sein:

„Wessen Zuneigung ist dir mehr wert, ihre oder die der anderen?“ (S. 144)

Um sich keine Antwort eingestehen zu müssen, arbeitet er an der Veränderung Stargirls zum 08/15-Mädchen. Sie wird zur Kaugummi kauenden, geschminkten, Jeans tragenden Susan. Zu seiner alten Beliebtheit findet er trotzdem nicht zurück. Deshalb fand sie zu sich selbst zurück – oder was sie auch immer fühlte und vorgab, zu sein.

Und damit ist das Ende dieser Liebe besiegelt. Offen bleibt, was echt, was falsch, was real, was fake ist. Und das ist vielleicht der große Clou dieses Buchs. Ein Mädchen wie Stargirl könnte niemals in dieser Form existieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein solches Wesen nicht eine Sekunde lang wahre Popularität bei seinen Mitschülern erringen könnte – nicht mal einen Bruchteil der Beliebtheit, die es in diesem Roman zugeschrieben bekommt.

Die Geschichte ist überspitzt und überdreht, aber in ihrer Unwahrscheinlichkeit, ja Unmöglichkeit, nicht weniger schön oder liebenswert oder interessant oder träumerisch. Eine Gestalt wie sie ist mehr Fabelwesen als Mensch, mehr Fiktion als Realität, aber das kann und darf und muss ja auch so sein. Dafür ist es Literatur und dafür übermittelt es eine Botschaft.

Und um diese zu verstehen ist es womöglich gar nicht von Nachteil dem Alter, in dem Jugendbücher gelesen werden, bereits entwachsen zu sein. Für Kinderfilme ist man ja bekanntlich auch nie zu alt.

Jerry Spinelli: Stargirl. Hamburg 2002.

siehe auch:

 


Jerry Spinelli
12.5.14 11:35


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung