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Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom (1785)

...oder Die Schule der Ausschweifung“, heißt dieser in vier Teile gegliederter Roman. Und der Name ist Programm.

Vier lüsterne Herren der französischen Oberschicht, allesamt durch Betrug und Mord zu großem Reichtum gekommen, verschanzen sich mit 42 Sklaven und Sklavinnen in der Zeit der Regentschaft Ludwig XIV in einem Schloss ohne Zugang zur Außenwelt.

Zu diesen 42 armen Seelen gehören u. a. acht junge Mädchen, nicht älter als 15, und 8 junge Knaben, etwa im gleichen Alter. Eine entscheidende Rolle kommt auch den vier Erzählerinnen zu, den acht „Fickern“, sowie den vier Ehefrauen der Initiatoren, hierunter übrigens auch ein Bischof. Über jene Gemahlinnen heißt es:

„Wir Wüstlinge, wir nehmen Frauen, um Sklavinnen zu haben; ihre Eigenschaft als Gattinnen macht sie uns unterwürfiger als Geliebte, und Sie wissen, welcher Rang der Despotismus unter den Vergnügungen einnimmt, die wir bevorzugen.“ (S. 8)

Die „Gäste“ wurden brutal aus ganz Frankreich entführt, nicht selten ohne dabei ein menschliches Opfer zu hinterlassen. Auf dem Schloss müssen sie schließlich den Gelüsten der vier alten Säcke dienen, die sie benutzen und misshandeln wie es ihnen beliebt, und sich hieran aufgeilen.

Nebenbei wird außerordentlich viel gegessen und getrunken. Jeden Abend erzählt eine der vier Erzählerinnen, alles ehemalige Prostituierte oder Kupplerinnen, von ihren sexuellen Erfahrungen – im weitesten Sinne. Sexy ist das nämlich alles gar nicht, sondern überwiegend sehr, sehr eklig. Und bisweilen auch sehr bizarr und extrem unrealistisch. So etwa wenn es heißt:

„[Ein Mann] fickt eine Ziege von hinten, während man ihn peitscht. Die Ziege bekommt ein Kind von ihm, das er ebenfalls fickt, obgleich es ein Monstrum ist.“ (S. 409)

Die Ziege ist hierbei noch besser weggekommen als viele andere Personen, die in den insgesamt 600 Erzählungen vorkommen. Die letzten 150 enden nämlich alle tödlich, und auch ein Großteil der Hausbewohner scheidet nach und nach aus dem Leben – natürlich nicht, ohne vorher gedemütigt, verstümmelt, gebrannt, geschlagen, gepeitscht und auf sonst jede erdenkliche Art gepeinigt worden zu sein. Das Morden stellt für die Männer den größten Lustgewinn dar, und außerdem:

„...[zeigt sich] das Objekt, das im Grunde keinen anderen Wert hat als den, welche unsere Geilheit im verleiht, das Objekt zeigt sich, wenn diese Geilheit erloschen ist, in seiner ganzen Wertlosigkeit. Je heftiger die Aufregung war, desto entwerteter ist das Objekt, wenn es von dieser Aufregung nicht mehr unterstützt wird.“ (S. 100)

De Sade. Das klingt nicht aus Zufall wie Sadismus. Auf den Autor dieses Buches, der selbst berühmt war für seine Ausschweifungen und die Unterwerfung anderer zu seinem persönlichen Lustgewinn, geht dieser Begriff zurück.

De Sade war jedoch im weitesten Sinne auch Philosoph. Deshalb enthält das erste Buch, welches als einziges vollständig ist, viele philosophische Diskussionen und Überlegungen bezüglich Moral, Menschlichkeit und Natürlichkeit. So berichtet eine der vier Erzählerinnen Folgendes:

„Ich machte [einem Mädchen] also begreiflich, wie lächerlich die Bande sind, die uns mit den Urhebern unserer Tage verknüpfen; ich bewies ihr, daß eine Mutter dafür, daß sie uns in ihrem Schoß getragen habe, nicht nur keinerlei Dank, sondern vielmehr Haß verdiene. Denn um ihres Vergnügens wegen habe sie uns in die Welt gesetzt und allem Unglück ausgeliefert, daß uns in dieser Welt zustoßen könne. Sie habe uns nur deshalb das Leben gegeben, um ihre brutale Geilheit zu befriedigen.“ (S. 286)

Hierbei handelt es sich insofern um eine schlüssige Argumentation, wenn man bedenkt, dass das Mädchen, an das diese Worte gerichtet sind, in schwerster Armut und größtem Unglück lebt und wahrscheinlich lieber gar nicht geboren worden wäre. Trotzdem bleibt diese Ansicht natürlich völlig untragbar, ähnlich wie die Folgende:

„Man muss sich mit der Entsetzlichkeit all dessen abzufinden verstehen, was einem Wollust erregt, und das aus einer sehr einfachen Ursache; die ist, daß eine noch so schreckliche Sache nicht mehr schrecklich für einen ist, in dem Moment, in dem sie einen zur Entladung bringt. Sie ist es daher nur in den Augen der anderen, und wer sagt mir, daß die Meinung der anderen, die in so vielen Dingen falsch ist, es nicht auch in dieser Beziehung sei? Es gibt nichts von vornherein Gutes und nichts von vornherein Schlechtes, alles ist nur relativ, je nach unseren Sitten, Ansichten und Vorurteilen.“ (S. 339)

Sexueller Lustgewinn kann natürlich nicht als Rechtfertigung für „Entsetzlichkeit“ dienen, wird hier aber genau so instrumentalisiert. Vor allem Frauen und Kinder sind Opfer dieser Ausschweifungen – im Buch wie bekanntlich auch im realen Leben. Doch das Buch liefert noch mehr Erklärungen:

„[E]s ist übrigens erwiesen, daß es das Schreckliche, Niedrige, Abstoßende ist, das uns gefällt, wenn wir steif sind, oder daß es uns besser steht, wenn das Objekt verdorben ist. Sicherlich, wenn es der Schmutz der Sache ist, der im Akt der Geilheit gefällt, muß sie umso mehr gefallen, je schmutziger sie ist, und sie ist sicher im verdorbenen Objekt viel schmutziger als im unberührten oder vollkommenen.“ (S. 54)

Mit dieser Ausführung wird die These vertreten, dass Alte, Kranke, Gebrechliche, Verstümmelte, Entstellte, Hässliche, Stinkende und Eklige viel mehr Lust verschaffen können als Junge, Gesunde, Frische, Hübsche. Die nächste steile These sozusagen.

Und all das zieht sich durch den ersten Teil des Buches durch. Die drei weiteren Teile bestehen nur in Ansätzen, dort werden nur die sexuellen Praktiken geschildert, welche die vier Erzählerinnen preisgeben. Grund hierfür ist, dass De Sade sein Werk in der Pariser Bastille anfertigen musste, wo nicht nur die Verfügbarkeit von Papier stark limitiert war.

Ich weiß nicht, ob so ein Buch heute noch geschrieben und gedruckt werden dürfte. Dabei ist es wirklich erstaunlich, was für kranke Einfälle dieser Mann in nur 37 Tagen hatte, in denen er den kompletten Roman, der fast 500 Seiten misst, verfasste.

Deswegen fällt es mir auch sehr schwer, mich über dieses Werk zu äußern, welches nur amoralische, menschen- und besonders frauenverachtende Ansätze vertritt. Natürlich darf man die Personen des Romans nicht mit dem Autor gleichsetzen, aber irgendwo müssen diese Ideen ja herkommen.

In anderen Zusammenhängen wird De Sade für seine sexuelle Offenheit sogar gelobt. Im Buch kommen hetero- und homosexuelle Akte in etwa gleich häufig vor. Hierin könnte man ein Anliegen De Sades erkennen, sich für die Anerkennung von zu damaligen Zeiten als anormal empfundener Sexualverhalten einzusetzen. Schön und gut, dass der Marquis Homosexualität bereits im 18. Jh. enttabuisieren wollte. Aber wenn er das auch mit Pädophilie, Zoophilie und Vergewaltigungspraktiken vorhatte, dann scheint sein Verdienst doch eher gering.

Heutzutage sind die meisten seiner Ansätze sowieso indiskutabel geworden. Wer sich ein bisschen ekeln will, vor der Menschheit im Allgemeinen und den Geschehnissen auf jenem Schloss im Besonderen, dem ist das Buch durchaus zu empfehlen – ein Horrorfilm als Literatur, eklig und blutig. Manchmal aber so absurd, dass man nur darüber lachen kann.

Weil ich den Marquis aber nicht so schlecht machen will und ich mir eigentlich weit mehr von diesem Buch versprochen haben, folgt zum Abschluss ein sehr schönes Zitat, welches mich versöhnlich stimmt:

„Nicht im Genuß besteht das Glück, sondern in der Begierde, im Zerbrechen der Schranken, die man diesen Begierden entgegensetzt.“ (S. 187)

Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung, Köln 2006.

Siehe auch:

 

Marquis de Sade
Wikipedia-Eintrag
25.6.14 09:21


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Stephen Chbosky: The perks of being a wallflower (1999)

Tippt man „The pe“ in Google ein, vervollständigt die Suchmaschine automatisch mit „rks of being a wallflower“. Der zweite Vorschlag hat sogleich ein „quotes“ angehangen.

Es scheint sich also um ein Buch voll von Weisheiten, Aphorismen, Sinnsprüchen oder sonst wie zitier würdigen Aussagen, Sätzen und Passagen zu handeln.

Ich habe bei diesem Buch jedoch nur einen einzigen Satz gefunden, den ich zitieren möchte:

„I am very interested and fascinated by how everyone loves each other, but no one really likes each other.“ (S. 56)

Charlie, erst 15-, dann 16-jähriger Teenager und Protagonist des Buches, bezieht sich hierbei auf das Thanksgiving im Kreise seiner Familie. Diese und andere Erlebnisse seines Lebens in Texas schildert er in Briefen, welche er an einen unbekannten Freund richtet.

 Hierin verarbeitet er den Selbstmord eines Schulkameraden und Freundes, sein Dasein als Außenseiter und seine Konflikte mit der Familie. Er beschreibt, wie sein älterer Bruder zum Studieren auszieht, wie seine Schwester ihrem Schlägerfreund die Treue hält, obwohl ihre Eltern, selbst erfahren im Umgang mit gewaltbereiten Familienmitgliedern, ihr den Umgang verboten haben.

Charlies Leben erfährt eine entscheidende Wende, als er die Geschwister Sam und Patrick kennenlernt, sich sogleich mit den beiden anfreundet und sich mindestens genauso schnell in die schöne Sam verliebt. Beide sind älter als er und begleiten ihn bei seinen ersten Mädchen- und Drogenerfahrungen. Sie verlassen ihn und die Heimatstadt ebenso wie seine Schwester im folgenden Jahr für ihr Studium.

Charlie bleibt das ganze Buch hindurch irgendwie ein komischer Kauz, wächst dem Leser aber gleichzeitig ans Herz und wird zu seinem ganz persönlichen Sorgenkind. Alle Briefe sind mit „Dear Friend“ adressiert – natürlich fühlt man sich da als Leser angesprochen und irgendwie bedeutend. Der Marihuanakonsum des Jungen nimmt zeitweise gefährliche Ausnahmen an und auch ein LSD-Trip steckt er nicht gut weg. Der Grund hierfür wird in seiner mehr als weinerlichen Mentalität vermutet. Ständig fließen Tränen. Klar, Teenager sind oft schrecklich emotional, ich war ein Paradebeispiel für Weinerlichkeit und Nah-am-Wasser-gebaut-Sein. Aber wenn Charlie gefühlt auf jeder zweiten Seite weint und weint und weint, dann nervt es gewaltig und ich will ihn einfach nur an den Schultern packen, einmal durchschütteln und anschreien, dass er sich zusammenreißen soll.

Dabei hat er natürlich auch eine Menge durchgemacht. Seine Mutter wurde von ihrem Vater misshandelt, der übrigens immer noch in der Familie verweilt, und seine geliebte Tante starb bei einem Autounfall, als sie ein Geschenk für Charlie kaufen wollte. Dazu kommt ein schwieriges Verhältnis zu seinen Geschwistern. Er deckt die Beziehung seiner Schwester zu ihrem Schlägerfreund ebenso wie die Tatsache, dass sie eine Abtreibung durchführen lässt. Eine große Palette von „Problemen zu Hause“ also. Außerdem hat er nur wenige Freunde und seine Liebe zu Sam bleibt unerwidert und mehr als kompliziert.

Den wahre Grund für Charlies Verkorkstheit erfährt der Leser jedoch erst im Epilog, und das auch nur vage.

„The perks of being a wallflower“ ist also schon wieder ein Jugendbuch, und zwar ein solches, welches den Einzug in viele Englisch- und Literaturunterrichtsstunden geschafft hat. Macht mich das jetzt unglaubwürdig, wenn ich schon wieder über etwas schreibe, von dem ich sage, dass ich es eigentlich gar nicht mag? Ich folge wohl schlicht und einfach den Empfehlungen der Menschen in meinem Umfeld.

Und dieses Buch ist durchaus lesenswert. Ich wollte die 213 Seiten nicht weglegen und habe ihnen deshalb den ganzen Abend und die halbe Nacht gewidmet, nur um das Ende der Geschichte zu erfahren.

Allerdings stört mich, dass zu wenig passiert, obwohl so viel los ist. Mir fehlt ein richtiger Plot. Es geht um Familie, Freundschaft, Liebe, Sexualität, auch Homosexualität und Missbrauch, es geht um Gewalt und Schlägereien, Drogen und Partys, das Leben im Allgemeinen und das Leben während und nach der High-School im Speziellen.

Viele wichtige Themen also. Daher bestens geeignet als Jugendbuch, auch in der Retrospektive in meinem nicht mehr Teenie-Alter. Bei diesem Anspruch ist mir die Aussage jedoch nicht klar genug. Die zitierwürdigen Passagen nicht explizit genug – alles ein bisschen wie Fahren mit angezogener Handbremse. Deshalb wird „The perks of being a wallflower“ das Buch mit dem bisher einzigen Zitat – was aber keineswegs heißt, dass es das schlechteste aller bisher aufgegriffenen Bücher ist.

Stephen Chbosky: The perks of being a wallflower. New York 2012.

Siehe auch:

 


Deutscher Wikipediaartikel
Englischer Wikipediaartikel
17.6.14 11:26


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